Welttag Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz Previous item Betriebliches... Next item Macht das Home Office krank?

Welttag Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz

Dieser wichtige Aktionstag wurde 2003 von der ILO (International Labour Organisation) oder Deutsch: Internationale Arbeitsorganisation, ins Leben gerufen
Ziel dieses Tages ist die Förderung von menschenwürdiger, sicherer und gesunder Arbeit.

In diesem Jahr steht er selbstverständlich unter dem Motto „stop the pandemic“. Die ILO lenkt die Aufmerksamkeit diesmal vor allem auf Maßnahmen, durch die der Arbeitsplatz auch in Corona-Zeiten sicher ist. Auch in Deutschland gibt es seit dem 16.April 2021  im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie einen neuen Arbeitsschutzstandard .

Deutschland ist, was den Arbeitsschutz angeht, im Vergleich zu anderen Ländern generell aber schon sehr gut aufgestellt. Laut ILO sterben weltweit ca. 6.000 Menschen aufgrund von sicherheitstechnischen und arbeitsmedizinischen Risiken am Arbeitsplatz!

Arbeits-und Gesundheitsschutz ist also essentiell. Dieser ist auch gesetzlich verankert: Laut § 618 BGB hat ein Arbeitgeber „Räume, Vorrichtungen oder Gerätschaften“ so einzurichten und zu unterhalten, dass die Arbeitnehmer vor Gefahren für Leben und Gesundheit so weit geschützt sind, wie möglich. Auch die Arbeitsabläufe selbst müssen so gestaltet werden. Diesen individuellen Anspruch hat jeder Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber.“

Zum Gesundheitsschutz zählt sowohl der individuelle Arbeitsplatz eines jeden Mitarbeiters als auch das Unternehmen als Ganzes. Die Mitarbeiter*innen müssen ihrer Tätigkeit nachgehen können, ohne das Risiko eines Arbeitsunfalls oder einer psychischen, beziehungsweise körperlichen Überbelastung einzugehen. Diese Punkte sind im Arbeitsschutzgesetz, dem Arbeitssicherheitsgesetz und der DGUV Vorschrift 1 festgehalten.

Unter Maßnahmen des Arbeitsschutzes (§ 2 Abs. 1 ArbSchG) versteht man Maßnahmen:

  • zur Verhütung von Unfällen,
  • zur Minderung von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren und
  • zur menschengerechten Gestaltung der Arbeit.

Insbesondere hat der Arbeitgeber für eine geeignete Organisation zu sorgen (also z. B. Personal für den Arbeitsschutz abzustellen) und die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Die Kosten muss der Arbeitgeber selbst tragen. Die Hauptpflicht des Arbeitgebers wird in § 3 ArbSchG bestimmt:

Der Arbeitgeber ist verpflichtet, die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes […] zu treffen […].“ (3 Abs. 1 Satz 1 ArbSchG)

Der Arbeitgeber kann sich also nicht darauf zurückziehen, dass er diese Maßnahmen nur dann trifft, wenn sich jemand Externes findet, der sie finanziert.

Beim Arbeitsschutz müssen (u. a.) folgende Grundsätze eingehalten werden (§ 4 ArbSchG):

  •  Arbeits- und Gesundheitsschutz bestehen vor allem in Prävention: Gefährdungen müssen, wenn möglich, ganz vermieden werden und die Restgefahr so weit wie möglich gemindert werden
  • Gefahren sind an der Quelle zu bekämpfen.
  • Bei den Maßnahmen sind der Stand von Technik, Arbeitsmedizin und Hygiene sowie sonstige gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen.
  • Individuelle Schutzmaßnahmen sind nachrangig zu anderen Maßnahmen. (Quelle: Axel Janssen, JES GmbH)

Dieses Prinzip der Prävention ist auch als sogenanntes „STOP“ -Prinzip bekannt

STOP steht in dem Fall für:

  • Substituierung: eine mögliche Gefahrenquelle- sei es eine Tätigkeit oder z.B. eine Maschine- muss durch ein anderes Mittel zu ersetzt bzw. substituiert werden
  • Technische Maßnahmen: Sollte eine Substituierung nicht möglich sein, (zu teuer, oder zu aufwendig ist kein Grund) muss versucht werden, durch entsprechend geeignete technische Maßnahmen dafür zu sorgen, dass die Gefahrenquelle so weit wie möglich beseitigt oder zumindest eingedämmt wird.
  • Organisatorische Maßnahmen: es muss unter Umständen auch versucht werden, durch Änderungen der Arbeitsorganisation das Ausmaß der Belastung bzw. Beeinträchtigung so weit wie möglich zu verringern.
  • Persönliche Maßnahmen: wenn keine andere Maßnahme möglich oder erfolgreich ist, sind persönliche Maßnahmen, z. B. in Form persönlicher Schutzausrüstungen zu treffen. Allerdings greifen sie nur dann, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschlossen wurden oder diese für den Schutz noch nicht ausreichend sind ( Bspw. Schutzkleidung in der Produktion, Industrie etc.)

Faktoren, die die körperliche Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz beeinflussen sind:

  • Gefahrenstoffe
  • die Art und Weise, wie der Arbeitsplatz gestaltet ist
  • Werkzeuge, Maschinen und sonstige Arbeitsmittel
  • Arbeitsprozesse
  • fehlerhafte/unzureichende Arbeitsanweisungen

Doch auch die psychische Faktoren spielt eine Rolle!

Die Arbeitsbedingungen , die auf das mentale Wohlbefinden direkten Einfluss haben sind:

• Arbeitsorganisation und auszuführende Arbeitsaufgaben (Handlungsspielraum, Abwechslung, Information, Verantwortung, Arbeitszeit, Arbeitsablauf usw.)

• Gestaltung der Arbeitsaufgaben,

• Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine,

 • Führungsverhalten und soziale Unterstützung im Team (Kommunikation, Führungsverhalten, emotionales Eingebunden sein)

 • persönliche Ressourcen.

• Kunden

• Raumklima, Beleuchtung, Lärm etc. (Quelle: Behörde für Gesundheits-und Verbraucherschutz Hamburg)

So gehört auch die psychische Gefährdungsbeurteilung (“GB Psyche”) seit 2013 verpflichtend zum Arbeits-und Gesundheitsschutz und muss laut Gesetz ein Mal pro Jahr durchgeführt werden

Obwohl diese Pflicht ist, wird sie teilweise immer noch zu selten, unregelmäßig oder gar nicht durchgeführt.

Die GB Psyche ist fester Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM).

Gerade momentan, wo das Thema Mental Health nochmal in den Vordergrund gerückt ist, bekommt die Durchführung der GB Psyche nochmal eine relevantere Bedeutung.

Wir haben mal eine Expertin gefragt, die schon viele Unternehmen zum Thema BGM und Arbeits-und Gesundheitsschutz beraten hat, gefragt:

Interview Karin Goldstein, Expertin und Beraterin für BGM und Anbieterin Fachcoaching und Fortbildungen für Betriebliche GesundheitsmanagerInnen

Karin Goldstein on LinkedIn

Frau Goldstein, heute ist Welttag für Gesundheit und Arbeitssicherheit.
Sie sind ja Expertin für BGM, haben schon viele Unternehmen gesehen und beraten und bilden zudem auch selbst BGM Manager*innen aus.

Was würden Sie sagen?
Wie ist es so um den Arbeits-und Gesundheitsschutz in Deutschland bestellt?

Der Arbeits- und Gesundheitsschutz hat in Deutschland eine lange Tradition und einen hohen Standard. Bis 2019 sind die gemeldeten Arbeitsunfälle beispielsweise rückläufig. Für den Schutz der körperlichen Gesundheit wird in den Unternehmen und Verwaltungen also viel gemacht. Das alleine reicht aber nicht. Gesund und leistungsfähig sind wir alle nur, wenn wir uns auch psychisch wohlfühlen. Schon im eigenen Interesse sollten Betrieb deshalb mehr hinschauen, welche Arbeitsbedingungen die psychische Gesundheit ihrer Beschäftigten gefährden können.

Wie sieht es genau in den Unternehmen aus?
Gibt es immer noch Unternehmen die die Psychische Gefährdungsbeurteilung (GB Psyche) nicht oder nur unregelmäßig durchführen? Wenn ja, warum?

Mein Eindruck ist, dass in vielen Großunternehmen die psychische Gefährdungsbeurteilung durchgeführt wird. Es wird analysiert und Maßnahmen werden umgesetzt. Bei der Überprüfung, ob die Maßnahmen auch positiv gewirkt haben, hapert es allerdings oft. In den kleinen und mittleren Unternehmen, die immerhin 99 % der Unternehmen in Deutschland ausmachen, fehlt eine GB Psych meistens. Diese Betriebe fürchten den Aufwand und sehen den Nutzen nicht. Die GB Psyche ist zwar gesetzlich vorgeschrieben, aber solange die Aufsichtsbehörden dies nicht prüfen, passiert wenig.

Warum ist, gerade momentan, aber die Durchführung der GB Psyche so wichtig?

Die Corona-Pandemie bringt neue Belastungsfaktoren. Beschäftigte im Homeoffice sind genervt und erschöpft von vielen Online-Meetings. Die Doppelbelastung durch Homeschooling und Arbeit kostet Kraft. Soziale Kontakte sind für unsere Gesundheit extrem wichtig. Aber auch die fehlen uns ja derzeit. Befragungen zeigen immer wieder: Soziale Beziehungen, d.h. ein gutes Team und ein unterstützender Chef fördern unser psychisches Wohlbefinden.

Was unterscheidet die GB Psyche von normalen Mitarbeiterbefragungen oder Stimmungsbarometern?

Die GB Psyche ist keine Befragung und versucht auch keine Stimmung zu ermitteln. Sie ist ein Prozess, um Gefährdungen am Arbeitsplatz für die psychische Gesundheit aufzuspüren und dann Maßnahmen zu entwickeln, um gegenzusteuern. Sie gibt vor „was“ Unternehmen tun müssen. Sie sagt aber nicht „wie“ sie es tun sollen. Die Angst vor aufwendigen Befragungen ist unbegründet. Es gibt bei vielen Berufsgenossenschaften gute Tools und Hilfestellungen, mit denen gerade kleine Betriebe eine GB Psyche auch mit überschaubarem Aufwand durchführen können.

Würden Sie Unternehmen empfehlen, beides zu machen? Wenn ja, warum?

Ich würde empfehlen, in erster Linie eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Sie liefert Unternehmen bereits viele Ansatzpunkte, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit, aber auch die Stimmung und das Commitment deutlich zu verbessern.

Wie erleben Sie die aktuelle Situation hinsichtlich BGM?
Wird es eher vernachlässigt?

Gesundheitsangebote gibt es überall und wenn es nur der Obstkorb oder der Gesundheitstag ist. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist mehr. Hier wird mit Strategie und mit Struktur die Gesundheit der Beschäftigten nachhaltig verbessert. Da gibt´s noch viel Luft nach oben bei den Unternehmen.

Wie geht es dem BGM Managern?
Werden Stellen gekürzt oder sind viele in Kurzarbeit?

Das hängt sehr von der Branche ab. Der Versandhandel beispielsweise sucht BGM-Manager. Auch in Verwaltungen und Universitäten, so meine Wahrnehmungen, wird in BGM investiert und werden Manager gesucht.

Welche Elemente des Arbeits-und Gesundheitsschutzes sind aus Ihrer Sicht noch besonders wichtig?

Unternehmen und Verwaltungen sollten auch das Thema Suchtprävention auf ihrer Agenda haben. Gerade in besonders schwierigen Zeiten – und die haben wir gerade – sind Medikamente, Zigaretten und Alkohol naheliegende „Tröster“. Da dürfen Unternehmen nicht wegsehen, sondern sollten Hilfsangebote machen.

Wie ist das beim Thema Home-Office mit dem Arbeits-und Gesundheitsschutz?
Wird da “geschlampt”?

Ich würde es nicht „geschlampt“ nennen. Die Home-Office-Welle kam so schnell und heftig, dass viele Betriebe damit überfordert sind, hier die notwendigen Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen umzusetzen. Da gibt es viel Beratungs- und Informationsbedarf.

Was möchten Sie Unternehmen an diesem Tag besonders ans Herz legen?

BGM mag groß, teuer, schwierig und aufwendig klingen. Muss es aber gar nicht sein. Das Einzige, was es sein muss ist: Systematisch und nachhaltig.

Frau Goldstein, vielen Dank für das Gespräch!

Fragen? Anregungen?

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet