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Mental Health goes digital/ Fragen an Christian Krohne

2020 schossen die Fehlzeiten auf Grund von psychischen Belastungen oder Erkrankungen nochmals in die Höhe.
Es war ja auch für uns alle ein sehr belastendes Jahr.
Das haben auch die Unternehmen festgestellt.

Immer mehr Unternehmen erkennen nun, dass sie etwas für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen tun müssen.
Aber auch Arbeitnehmer*innen/ Privatpersonen suchen verstärkt nach Lösungen.
Eine gute Möglichkeit bieten hier Psychotherapie-Apps. Das Angebot reicht von Online-Angeboten zu Stress über wissenschaftlich geprüfte psychologische Online-Trainings mit persönlicher Begleitung bei Depressionen, Angst, Panik, Burnout und bei weiteren psychischen Beschwerden bis hin zu richtigen Online-Behandlungen.

Viele Menschen müssen bei Problemen lange auf einen Therapieplatz warten. Diese Zeit zu überbrücken und trotzdem aufgefangen zu werden, das macht zum Beispiel das Berliner Start-Up Unternehmen Selfapy.
Selfapy kombiniert das Online-Angebot wie z.B. den kostenfreien Depressionskurs, der Teil des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) ist und somit nach einer ärztlichen Diagnose verschrieben werden kann und von den gesetzlichen Krankenkassen ohne zusätzliche Kosten übernommen wird, mit telefonischer Beratung und Chatbegleitung durch Psychologen. So können betroffene Menschen schon mal unterstützt werden. Manche brauchen dann gar keine Therapie mehr, für andere ist es eine gute Überbrückung. Außerdem werden neuerdings auch  Kurse auf Rezept zu anderen Themen wie Angst und Panik angeboten. Es gibt weitere Anbieter, die ähnliche Konzepte verfolgen und anbieten, wie z.B. HelloBetter -nur bislang noch ohne die Möglichkeit zur Verschreibung auf Rezept, dafür aber kostenlos für die Mitglieder einer bestimmten Krankenkasse-oder auch Instahelp (direkte psychologische Online-Beratung). All diese Angebote bieten echten Mehrwert und Hilfe für Betroffene.


Fakt ist: sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer und Privatpersonen suchen verstärkt nach Unterstützung zum Thema Mental Health, weil sie endlich dessen Wichtigkeit begriffen haben.

Einige Firmen arbeiten, wenn es um die Psyche geht, bereits mit EAP (Employee Assistant Programme: Programme zur Mitarbeiterberatung durch ein externes Unternehmen).

Aber reicht das aus? Und kann und will sich jeder „outen“, dass er psychologische Unterstützung braucht? Ist das Thema Mental Health/ psychische Belastungen wirklich schon so „salonfähig“? Oder doch noch eher eine Privatangelegenheit? Ist es wirklich genauso selbstverständlich wie körperliche Beschwerden?


Das HHP hat zum Thema Mental Health goes gigital- Chancen und Risiken von rein digitalen Angeboten– exklusiv mit Christian Krohne, Experte für Gesundheits-PR und politische Kommunikation, gesprochen, der unter anderem auch Experte zum Thema Mental Health ist und bereits mit Digital Health-Pionieren wie Selfapy und M-sense zusammengearbeitet hat.

Christian, wie empfindest du die Situation aktuell?
Hat die Awareness für das Thema Mental Health zugenommen?

Mein Eindruck ist, dass die psychische Gesundheit der Menschen in den vergangenen Monaten in den Mittelpunkt gerückt ist. Die sehr lang andauernden politischen Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen und die damit verbundenen Möglichkeiten, sozial zu interagieren, wurden immer weniger. Auch die Verlagerung ins Homeoffice in vielen Unternehmen, hat dazu beigetragen, dass einer der wichtigsten Orte sozialer Interaktion für Berufstätige wegfiel.

Es wurde offen und öffentlich darüber gesprochen, dass viele Menschen psychisch belastet sind, unter Depressionen oder Einsamkeit leiden.


Hat Corona aus deiner Sicht psychische Belastungen oder Erkrankungen wie z.B. Panikattacken oder generalisierte Angststörungen noch verstärkt?

Die jüngsten Erhebungen einiger Krankenkassen legen dies zumindest nahe. Wenig soziale Kontakte, keine Möglichkeiten zu reisen oder ins Restaurant oder shoppen zu gehen, auch die Arbeit fand nun nur noch von Zuhause aus statt. Vor allem für Menschen, die alleine leben, ist diese Zeit der Isolation extrem schwierig und kann zu psychischen Belastungen führen, wenn sie nicht wenigstens hin und wieder ein wenig Abwechslung in ihren Tagesablauf bekommen.
Auch wurden Ängste, die vielleicht sowieso schon da waren durch die Corona-Situation noch verstärkt oder getriggert.


Warum wurde das Thema Mental Health so lange aus dem öffentlichen gesellschaftlichen Leben und erst recht auch aus dem Arbeitsleben ausgeklammert?

Sowohl gesellschaftlich als auch im beruflichen Kontext ging es viele Jahre lang darum, ein möglichst „perfektes“ Bild nach außen abzugeben, mit dem Ziel, vermeintlich mehr Kompetenz und Souveränität auszustrahlen. Bis noch vor wenigen Jahren war es ein absoluter Makel, im beruflichen Kontext über psychische Belastungen zu sprechen.

Aber auch die „Hustle Culture“, bei der es darum geht, noch ein bisschen mehr zu arbeiten und das Optimum aus der eigenen Leistung herauszuholen, hat einen Beitrag dazu geleistet, seine Schwächen nicht zu offenbaren, sondern weit über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Das Problem dabei: Jemand, der mit einer 60-80-Stunden-Woche an einem Burnout erkrankt, wurde fast schon zum Helden erklärt, Menschen mit einem „normalen“ Arbeitspensum, die auch an Erschöpfungssymptomen oder anderen psychischen Belastungen leiden und darüber sprachen, wurden nicht selten als schwach eingestuft. Dies führt natürlich schnell dazu, dass solche Leute sich schämen und ihre psychischen Belastungen ausklammern und stattdessen in den sauren Apfel beißen und versuchen, irgendwie mitzuhalten – bis sie womöglich ernsthaft erkranken.


Welche Chancen bietet der Trend “Mental Health goes digital” für Privatpersonen, Arbeitnehmer*innen und Unternehmen?

Der Vorteil an digitalen Angeboten ist, dass sie komplett abgekoppelt von irgendwelchen Präsenz-Kursen abgehalten werden können. Oft hindert gerade das Miteinander Menschen daran, sich Kursen und Workshops anzuschließen. Das kann mit eigener Unsicherheit zu tun haben, das kann damit zu tun haben, dass die Zeit lieber im Privatleben verbracht wird. Digitale BGM-Plattformen mit Mental Health-Anwendungen bieten die Chance, sich zu jeder beliebigen Zeit an jedem beliebigen Ort damit auseinanderzusetzen. Ob das nun Achtsamkeitskurse sind, Wearables, die Beschäftigte für genug Bewegung sensibilisieren oder eben Online Kurse bei Depressionen und Angstzuständen – die Möglichkeiten sind vielfältig und sinnvoll.


Wo siehst du Grenzen, vielleicht auch Risiken?

Der Datenschutz spielt sicher eine Rolle. Viele Angestellte wollen möglicherweise ihrem Arbeitgeber gar nicht erst die Möglichkeit geben, auf irgendwelchen Plattformen Daten zu sammeln, die Auskunft über den Gesundheitszustand ihrer Belegschaft geben könnte. Es ist eine große Sorge, die dahinter steckt, vielleicht auch ein Misstrauen hinsichtlich der Verwertung digitaler Daten.

Außerdem kann auch hier und da der persönliche Kontakt fehlen-der momentan ja sowieso schon vielerorts fehlt. Deswegen sind Angebote, wie z.B. das von Selfapy, das durch persönlichen Kontakt unterstützt, so gut.
In einigen Fällen ist es aber auch wirklich nötig und wichtig sich direkt an den Arzt oder Psychologen zu wenden.


Was denkst du wird die Zukunft bringen? In Bezug auf “Mental Health goes digital” und Digital Health allgemein

Bereits jetzt gibt es erste vielversprechende Digital-Health-Anwendungen, die Menschen dabei unterstützen, ihre Fitness besser zu tracken, mit Erkrankungen besser umzugehen bzw. sie besser in den Alltag einzubauen. Im September werde ich in meinem Vortrag „Alles digital? Ein gesundheitspolitischer Blick in das Gesundheitswesen der Zukunft“ am 30.09.2021 bei der Online-Fokuskonferenz “Holistic Health | Future Of Work  näher darauf eingehen.


Sollten wir beim Thema Mental Health weniger stigmatisierend sein? Mir ist aufgefallen, dass in der Öffentlichkeit fast ausnahmslos von psychischen Erkrankungen gesprochen wird. Auch, wenn es auch um harmlose Sachen handelt. Sollte man nicht eher viel öfter erst von psychischen Belastungen sprechen?
Bei einer Allergie spricht man ja auch nicht von einer Krankheit oder Erkrankung….

Allgemein sollten wir mehr Empathie füreinander haben und uns mehr dafür interessieren, wie es unseren Mitmenschen geht. „Wie geht es meinem Gegenüber eigentlich wirklich?“ – dabei kann man auch gerne über eigene Belastungen sprechen, die einen beschäftigen. Ein offener Umgang miteinander kann Vieles entspannen. Auch psychische Belastungen, die man nicht in sich hineinfressen muss, können sich leichter auflösen. Dadurch lässt sich der Entwicklung einer ernsthaften psychischen Erkrankung unter Umständen entgegenwirken. Denn nicht jede Phase mit depressiven Gedanken ist mit einer Depression als Erkrankung gleichzusetzen. Oft hilft hier auch schon ein intensives Gespräch (oder mehrere) und / oder die Gesellschaft von Menschen, die man mag und denen man sich öffnen kann.
Von außen mag dies aber schnell so wirken als wäre es gleich eine Depression in Form von einer Erkrankung


Könnte es nicht auch sein, dass Betroffene Angst vor genau dieser Stigmatisierung haben? So nach dem Motto: “naja, den/ die kann man ja nicht mehr so richtig ernst nehmen, der/ die ist ja psychisch krank oder labil”?

Absolut. Die meisten Menschen befassen sich erst mit der Psyche bzw. psychischen Belastungen, wenn es a) sie selbst oder b) jemanden aus ihrem Umfeld betrifft. Das überfordert sie dann aber, weil sie sich vorher oft gar nicht damit auseinandergesetzt haben. Es wäre sicherlich sinnvoll, zum Beispiel bereits in der Schule einen Themenblock „Psychoedukation“ einzuführen, um für psychische Belastungen und Erkrankungen zu sensibilisieren. Und auch dafür, wie man sich selbst besser kennenlernt, spürt und seine „Schwächen“ akzeptiert und auch offen äußern kann ohne die Angst zu haben dafür verurteilt oder stigmatisiert zu werden.


Neigt unsere Gesellschaft zu Stigmatisierungen?

Ja. Das liegt zum Teil in der Natur des Menschen, weil er häufig eine Schublade braucht, um sein Gegenüber gedanklich irgendwie einordnen zu können. Es liegt aber oft einfach auch an Unwissenheit und der damit verbundenen Denkweise, dass es nur ein „normal“ gibt. Oft ist auch Angst vor dem „Anderssein“ im Spiel. Mehr Informationen und empathisches Verhalten können hier schon eine Menge bewirken, um Stigmatisierungen abzubauen.



Haben wie verlernt auf unser Bauchgefühl, unsere Intuition zu hören?
Den Satz” das bildest du dir nur ein” kennen wir ja alle. Sicher ist das manchmal so. Oft liegen wir mit unserem Bauchgefühl aber auch sehr richtig und es schützt uns vor Gefahren/ Situationen, die nicht gut für uns sind. Ich denke es wird zu oft abgetan, wenn Menschen ein solches Bauchgefühl äußern. Wie siehst du das?

Wir sollten alle definitiv mehr in uns hineinhören. Auf körperliche wie geistige Symptome. Ich höre aus meinem Umfeld immer wieder, dass Leute Schmerzen haben und das dann einfach ignorieren, weil es ja „irgendwie trotzdem geht“, den Schmerz auszuhalten. Auch ich bin davon nicht frei, etwa psychische Belastungen zu ignorieren, solange bis es mir wirklich schlecht geht, anstatt die Situation anzugehen.

Uns wurde also geradezu abtrainiert auf unsere Intuition zu hören. Das geht schon bei Kindern los: „Das bildest du dir nur ein“, „das träumst du doch nur” usw. Oder es werden Dinge verharmlost, heruntergespielt, negiert, ins Lächerliche gezogen, die wir empfinden oder erleben. Was dazu führt, dass wir uns nicht ernst genommen fühlen und uns vielleicht sogar dafür schämen. Das Gefühl „man glaubt mir nicht” oder “nimmt mich nicht ernst”, kann schlimme Folgen haben .


Denkst du, dass sich viele geschämt haben oder immer noch schämen, anzusprechen wenn sie eine psychische Belastung bei sich wahrnehmen?

Ich denke, das kommt immer ein bisschen auf das Umfeld an, in dem man sich bewegt. In meinem privaten Umfeld ist es so, dass wir uns gegenseitig empowern und ganz offen darüber sprechen, wenn es jemandem psychisch sehr schlecht geht. Das ist aber alles andere als normal. Auch unter Freunden wird das Thema Psyche sehr häufig unter den Tisch gekehrt oder etwa mit gemeinsamen Abenden in der Kneipe verdrängt, anstatt gemeinsam nachhaltige Lösungen zu suchen.


Wie sollte der Arbeitgeber damit umgehen?

Arbeitgeber sollten sich stets empathisch verhalten, gute Arbeitgeber tun dies auch, denn die Angestellten sind es, die ein Unternehmen zum Erfolg verhelfen. Umso wichtiger ist es, alles dafür zu tun, dass das Team gesund ist und Unterstützung anzubieten, wenn diese erforderlich ist.

Ich bin zwar seit einigen Jahren als Unternehmer tätig und habe keinen Arbeitgeber mehr – aber dafür zahlreiche Geschäftspartner. Mit diesen bin ich sehr offen hinsichtlich meiner eigenen Burnout-Historie umgegangen und bin zu 100% auf sehr viel Verständnis gestoßen, wenn es mir gesundheitlich mal nicht so gut ging. Das ist alles andere als selbstverständlich, umso dankbarer bin ich für solche Geschäftsbeziehungen, die von gegenseitiger Unterstützung auf geschäftlicher wie menschlicher Ebene geprägt sind und die Basis für viele gemeinsame Erfolge bilden.


Denkst du es braucht in jeder Firma ein Angebot für Mental Health?
Wenn ja, wie sollte das aussehen?

Ja, das ist extrem sinnvoll. Und als Ansprechpartner sollte idealerweise eine neutrale Person für das Angebot zuständig sein. Denn das Thema Mental Health ist nun mal sehr sensibel und vielen Menschen unangenehm. Entsprechend schafft man Vertrauen in die Angebote vor allem, wenn weder Chef noch Kollegen dafür zuständig sind. Woraus das Angebot bestehen sollte? Denkbar sind hierbei einerseits Programme in Verbindung mit Wearables, die etwa dafür sensibilisieren, sich genug zu bewegen, ausreichend Wasser zu sich zu nehmen und etwa Puls und Herzfrequenz zu messen und andererseits eben Mental-Health-Anwendungen wie Selfapy, die bei psychischen Belastungen helfen. Aber auch Anwendungen wie M-sense, die Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Migräne dabei helfen, ihre Krankheit besser zu tracken und mit dem Alltag abzustimmen, sind extrem wertvoll. Auch hier gilt eben wieder: ganzheitlich rangehen, so wie du es beim HHP ja auch immer betonst 😉


Ist der Leistungsdruck und der gesellschaftliche Anspruch immer gut drauf, produktiv, “pflegeleicht” zu sein, zu funktionieren, deiner Meinung nach ein Trigger für psychische Erkrankungen/ Belastungen?

Auf jeden Fall. Wie vorhin beschrieben, kann die „Hustle Culture“ zwar sehr motivierend, aber eben auch sehr erdrückend sein. Denn es geht vor allem darum, immer noch etwas mehr Leistung abzurufen, weniger zu schlafen, sich weniger zu bewegen etc. um das Optimum herauszuholen. Wir sollten viel stärker darauf achten, uns genügend Pausen und Erholungsphasen zu genehmigen und aufhören, diese als „Faulheit“ abzutun. Denn letzten Endes gilt für jeden, der nachhaltig erfolgreich arbeiten will, das uralte Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Ruhe kann natürlich auch Zeit für Sport und Bewegung oder einen Spaziergang sein.

Christian Krohne, vielen Dank für das Gespräch!

P.S:  Auch auf der Online Fokuskonferenz Holistic Health | Future Of Work vom 28.-30.09.2021 widmen wir uns intensiv dem Thema Mental Health / Mental Health@work

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