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Macht das Home Office krank?

Viele von uns arbeiten schon seit einiger Zeit permanent im Home Office. Für einige ist es ein Segen, für andere ein Fluch. Einige freuen sich über mehr Freiraum und weniger Ablenkung durch Kollegen, sowie den Wegfall des Stresses morgens beim Arbeitsweg, andere sind mit der Doppelbelastung Beruf/ Familie/ Home Schooling komplett überfordert und an ihrer Grenze.

Eine repräsentative DEKRA-Umfrage bei 1.500 Beschäftigten zeigt:

  • Mehr als ein Drittel der Befragten (36%) klagt über Beschwerden wie Rückenschmerzen, Verspannungen, Kopfschmerzen (fragt man genauer nach erfährt man, dass viele Arbeitnehmerinnen vom Küchentisch, schlechten Plastikstühlen oder der Couch aus arbeiten, weil die ergonomische Ausstattung zuhause fehlt. Einige sagten sogar, sie vermissen die gute Ausstattung im Büro).
  • 34% kämpfen mit fehlender oder unzulänglicher Arbeitsausstattung wie einem zu kleinen Bildschirm oder mangelhaftem Internet.
  • Rund 32% sind von längeren oder untypischen Arbeitszeiten (Abend oder Wochenende) betroffen.
  • Aber auch die Psyche leidet teilweise: die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen nahmen 2020 um acht Prozent zu und erreichten einen neuen Höchststand.

Dr. Karin Müller, Leiterin des Bereichs Mensch & Gesundheit bei DEKRA meint dazu:

“Arbeitgeber sind in der Pflicht, auch im temporären Homeoffice Gefährdungen für die Mitarbeiter zu erfassen, vor allem im Hinblick auf Ergonomie und ungesunden Stress. Das Homeoffice darf für die Chefs keine Blackbox sein. Nicht zuletzt digitale Schulungs- und Befragungs-Tools können helfen, die Mitarbeiter zu Hause besser zu schützen und anzuleiten.”

Quelle: DEKRA

Doch es gibt nicht nur negative Rückmeldungen:

  • 84 Prozent der Befragten, die derzeit zumindest zeitweise im Homeoffice arbeiten, bewerten die Gefahr, sich dort mit dem Corona-Virus zu infizieren, deutlich geringer als im Betrieb, was positiv gewertet wird.
  • 82 Prozent finden es gut, dass der Weg zum Büro wegfällt.  
  • 67 Prozent schätzen es, dass sie zu Hause in gemütlicher Kleidung arbeiten können und/oder sich ihre Arbeitszeit flexibel einteilen können.

DEKRA hat gemeinsam mit dem Institut forsa repräsentativ bundesweit 1.502 Beschäftigte befragt, um den Stand des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zu ermitteln. Den ausführlichen Report gibt es unter: https://www.dekra.de/de/whitepaper-asr2021/

Was kann man jetzt aber tun?

Sowohl als Arbeitgeber als auch als Arbeitnehmer?

Wir haben jemanden gefragt, der sich sehr gut mit dieser Thematik auskennt: Michael Herbst, Ergonomiefachmann und CEO der NEVIO Healthcare GmbH:

Michael Herbst on LinkedIn

Michael, du hast es sicher gehört:
Laut aktueller DEKRA-Umfrage leiden rund ein Drittel der Beschäftigten unter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Verspannungen. Hauptursache: schlechte ergonomische Ausstattung zuhause.
Was sagst du als Fachmann dazu?
Mit NEVIO unterstützt ihr ja gute ergonomische Ausstattung und geht sogar noch einen Schritt weiter. Ihr habt ja da ein tolles, innovatives Konzept entwickelt.

Vielen Dank, liebe Katrin. Uns ist es wichtig, Lösungen anzubieten, die schnell und pragmatisch in den Arbeitsalltag integriert werden können. Die Mitgliedschaft im Fitnessstudio ist ja ganz nett, aber mal abgesehen davon, dass sie momentan nicht nutzbar ist, kann die Bewegung am Abend nicht das kompensieren, was wir dem Körper tagsüber angetan haben. Laut Wissenschaft nur um 15%, d.h. 85% der negativen Auswirkungen der körperlichen Inaktivität verbleiben im Körper.  

Was empfiehlst du Arbeitgebern und Arbeitnehmern?

Zunächst einmal eine gute Kommunikation und ein gemeinsames Miteinander. Es ist sicherlich keine triviale Frage und der richtige Umgang mit dem Thema Home Office wird beide Seiten noch lange beschäftigen. Da es aber noch keine einheitlichen Regelungen gibt, sollte man sich gut untereinander abstimmen, was einerseits gewünscht und andererseits auch möglich ist.

Was kann man machen?

Nachdem die Frage der Versorgung an Hard- und Software geklärt ist, steht für uns vor allem die Frage im Vordergrund, wie man auch zuhause ergonomisch arbeiten kann. Das müssen nicht immer gleich die ganz großen, teuren Anschaffungen sein, sondern auch kleine Helferlein bringen schon einen Vorteil. Ich denke da an Tischaufsätze, Sitzbälle und Balancierbretter.

Wie hoch ist der Invest für den Arbeitgeber?

Grundsätzlich ist es die Pflicht des AG, den AN einen geeigneten Arbeitsplatz sowie die erforderlichen Arbeitsmittel zur Verfügung zu stellen. Das ist im Home Office nichts anderes. Hierzu stellt sich lediglich die Frage, wer das überwiegende Interesse an der Anschaffung hat. Somit kann es nämlich auch die Pflicht es AN selbst sein. Da es noch keine festen Gesetze dafür gibt, empfehlen wir hier den Dialog und die individuelle Vereinbarung.

Gibt es Förderungsmöglichkeiten?

Nicht, dass ich wüsste. Es gibt allerdings Neuregelungen im Steuerrecht, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu beachten haben. Hier kommt es immer auf den Einzelfall an. Es bleibt zu hoffen, dass die Finanzämter in Zeiten der Pandemie mit der Thematik etwas großzügiger umgehen als bislang. Fest steht ja zumindest, die sog. Home Office-Pauschale, bei der der Arbeitnehmer für jeden Kalendertag im Home Office €5 ansetzen kann, bis max. €600 im Jahr.

Warum kümmern sich so wenig Arbeitgeber um die ergonomische Ausstattung ihrer MA zuhause?

Ich denke, viele Arbeitgeber warten erstmal noch die weitere politische Entwicklung ab. Solange nicht genau geregelt ist, was der AG zu tragen hat, hält man sich zurück. Dabei dürfen die AG aber nicht ihre Pflicht zum Arbeitsschutz vernachlässigen. Sicherlich eine Gradwanderung. Aber ich bleibe dabei – man muss miteinander sprechen. Wenn Unzufriedenheiten auftauchen, verliert der AG womöglich gutes Personal. Eine proaktive Haltung und Unterstützung des AG kommt daher einem guten Employer Branding gleich.

Was bringt ein höhenverstellbarer Schreibtisch und ein ergonomischer Stuhl?

Es ist ein Anfang. Sicherlich besser als permanent auf der Couch zu lümmeln oder nur einen unergonomischen Küchenstuhl zu nutzen. Bei uns gibt es übrigens ein Home Office-Paket.

Ist es damit getan?

Nein, leider nicht. Eine (Rücken-) Gesundheit entsteht erst dann, wenn die Möglichkeit geschaffen ist, mehrfach pro Stunde die Körperhaltung zu verändern. Man sollte keinesfalls stundenlang in einer Haltung verharren, sondern zwischen Stehen, Sitzen und Bewegung wechseln. Aber nicht nur das, sondern auch die Steh- und Sitzposition an sich sollte dynamisch sein und ständig verändert werden. Dabei spricht nichts gegen die Couch, solange man sie nur für einen kurze Zeitraum als Haltungsalternative in sein Setup einbindet.

Welche zusätzlichen Möglichkeiten gibt es noch?

Zugegeben, wer zuhause nicht mal Platz für eine Büroecke hat, dem wird eine Optimierung des Arbeitsplatzes schwerfallen. Aber vielleicht lässt sich etwas umgestalten und das Thema wird uns wohl auch zukünftig nicht mehr so schnell loslassen. Also sollte man dem Thema auch selbst „mehr Raum“ geben. Viele empfinden das Arbeiten im Home Office ja auch als vorteilhaft. Unser Favorit für mehr Bewegung im Arbeitsalltag ist ganz klar der Laufbandschreibtisch, für moderates Gehen während der Arbeit. Gehen ist die natürlichste Form der Bewegung, nur leider hat der Menschen in den letzten Jahren alles Mögliche erfunden, um die Bewegung zu minimieren. Der Platzbedarf für einen solchen Arbeitsplatz ist übrigens kleiner als viele denken und es gibt sogar aktuell ein neues Produkt, das neben dem Wechsel zwischen Gehen und Stehen auch noch das Sitzen ermöglicht (https://bit.ly/2O0OY0D).

Was möchtest du AN und AG mit auf den Weg geben?

Nun ich würde sagen, das Problem liegt vor allem zwischen den Ohren. Will sagen, die ganze Diskussion über die Frage, wer ist für „meine“ Gesundheit verantwortlich, der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer selbst, ist vor allem eine Frage des Mindsets. Wir plädieren da für eine aktive Selbstfürsorge – jeder sollte Verantwortung dafür übernehmen, dass es einem selbst gut geht und einem die eigene Gesundheit wichtig ist.

Michael Herbst, vielen Dank für das Gespräch!

Außerdem empfehlen Experten:

Nach 45 Minuten die Position wechseln! Also entweder aufstehen oder sich hinsetzen und auch mal durchs Zimmer laufen, aufdehnen.

Besonders auch der Nacken leidet sehr. Unser Kopf ist sehr schwer: Bei einem ausgewachsenen Menschen wiegt der Kopf im senkrechten Zustand 6 kg. Bei 15 Grad Neigung nach vorne entspricht die Belastung der Nackenmuskulatur dem, als wenn der Kopf ein Gewicht von 13 kg hätte!!

Und wie arbeiten wir meistens? Richtig….

Aus diesem Grund sind höhenverstellbare Schreibtische oder Untersetzer für Laptops so wichtig.

Auch Übungen zwischendurch wie Schulterkreisen, Lockerung und Dehnung der Nackenmuskulatur helfen.

Hier eine Anregung von Einfach besser leben. Ich finde diese Übungen sehr gut und hilfreich. Einige von ihnen mache ich auch regelmäßig selbst.  Aber Achtung: Bei allen Nackenübungen vorsichtig vorgehen. Langsam bewegen. Auf Bewegungseinschränkungen Rücksicht nehmen! Langsam aufbauen. Darauf achten, wie es einem geht. Bei den Übungen, wo der Kopf nach vorne unten gezogen wird, kann es helfen, wenn man leicht in die Knie geht dabei. Und/ oder: die Hände als Verstärkung hinter dem Kopf erstmal weglassen und nur den Kopf bzw. das Kinn zur Brust ziehen/ absenken. Oft reicht das als Dehnung schon aus, weil bei vielen die Nackenmuskulatur so verspannt/ verklebt/ verkürzt ist. Nur bis zum Dehnungsreiz gehen. Dort erstmal verbleiben halten, wieder lockern.  Bei Schwindel oder Unwohlsein sofort abbrechen!

In diesem Sinne: happy working im Home Office! Vielleicht mal den ein- oder anderen Tipp umsetzen Und ruhig auch proaktiv auf den Arbeitgeber zugehen und Vorschläge machen, falls es an ergonomischer Ausstattung fehlt.

Und an alle Arbeitgeber: gern auch proaktiv nachfragen 😉

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