Interview mit Michael Wieden, Experte für Schlaf, Chronobiologie,(COPEP®) und Liquid Work®. Previous item Digital Health und... Next item Super-Power Schlaf

Interview mit Michael Wieden, Experte für Schlaf, Chronobiologie,(COPEP®) und Liquid Work®.

Michael, wer bist du, was machst du, wie kommst du zur Chronobiologie?

Ich bin eigentlich gelernter Waffenkaufmann und Betriebswirt, was vielleicht nicht gleich auf den Link zur Chronobiologie schließen lässt….. 😉

2002 bin ich über eine der ersten Online-Fortbildungen Deutschlands (IT-Manager Neue Medien) auf die Chronobiologie gekommen. In der ersten Präsenzwoche gab es am ersten Tag ein „Kennenlern-Projekt“, nachdem sich die Teilnehmer ja ansonsten nicht sehen konnten. In der Gruppe bekamen wir die Aufgabe in 15 Minuten zu erarbeiten, wie wir uns das  Zeitmanagement der Zukunft vorstellen. Ich  habe keine Ahnung, woher mein Gedanke kam, Zeitmanagement in Zukunft auf Basis von individueller Leistungsfähigkeit aller an einem Prozess Beteiligten zu gestalten. Ich  bekam dafür so viel begeisterten Zuspruch, dass ich mich weiter informiert habe und am Ende bei der Chronobiologie gelandet bin.
Ich hatte damals quasi das Rhythmusmanagement erfunden, ohne es zu wissen. Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. 2012 und 2016 habe ich dann jeweils ein Buch dazu geschrieben, und heute berate ich Unternehmen und Mitarbeiter bei der Erarbeitung von Maßnahmen zur Einbindung der Chronobiologie in HRM und BGM. Ich war damals sicher der erste Betriebswirtschaftler der sich überhaupt mit diesem Thema vor allem im Zusammenhang mit betrieblichen Prozessen befasst hat.

Michael, wie entscheidend ist die „Säule Schlaf“, wenn es um unsere Gesundheit geht?

Bei dieser Frage weise ich immer gerne auf die Bedürfnispyramide von Maslow hin. Die unterste Stufe stellt die physiologischen Grundbedürfnisse dar, ohne die wir nicht existieren können. Essen, trinken, atmen, schlafen sind dabei die Bedürfnisse, ohne die wir als Einzelperson nicht überleben können. Hinzu käme noch die Fortpflanzung, um als Spezies zu überleben.
Diese physiologischen Grundbedürfnisse unterliegen einer genetisch bedingten Rhythmik. Wir können also nicht einfach dauerhaft entscheiden, nicht mehr essen, trinken, atmen oder schlafen zu wollen ohne zu sterben. Sämtliche Maßnahmen zur Erhaltung und Wiedererlangung von Gesundheit können in ihrer Wirkung also niemals optimal sein, wenn nicht diese Grundbedürfnisse auf natürliche Weise, also den Anforderungen des Körpers entsprechend, befriedigt werden. Sie sind das Fundament. Aber um die Frage mit einem Satz zu antworten: Schlaf ist für unsere Gesundheit genauso entscheidend wie Ernährung und Atmung.

Warum wird die Bedeutung des Schlafs immer noch unterschätzt?

Das schließt etwas an meine vorherige Antwort an. Unterschätzen hat etwas mit mangelnder Wertschätzung zu tun. Wie gerade schon erwähnt, messen wir als Gesellschaft künstlichen Dingen wesentlich mehr Wert bei als natürlichen. Ein modernes Hochhaus hat mehr Wert als die Wiese und dessen Mikrokosmos auf der es errichtet wurde.

Das sehen wir aber auch in der Medizin. Das, was der Arzt oder die Pharmaindustrie sagen, wird als Fortschritt angesehen. Was die Natur aber in Jahrmillionen an Medizin entwickelt hat, wird dagegen immer noch weitverbreitet als „HokusPokus“ oder „Esoterik“ angesehen. Da wurde in den letzten 100 Jahren „gute“ Arbeit in Sachen „Meinungsbildung“ geleistet.

Ein weiterer Grund ist aber auch der Wert, den wir der Arbeit beimessen. Mit der Arbeit wird die Teilhabe an der Gesellschaft, der eigene Wert und natürlich auch das finanzielle Überleben verbunden. Leben findet für die Gesellschaft allein im Wachzustand statt. Mit Schlaf wird der Teil des Tages verbunden, an dem wir weder etwas für die Teilhabe an der Gesellschaft, noch für den eigenen Wert, noch für das finanzielle Überleben tun. Wir haben schlichtweg Angst, im Schlaf etwas vom Leben zu verpassen, also quasi etwas vom Leben zu verschlafen. Die meisten Menschen bekommen den Link nicht hin, dass alles auf dieser Welt Energie braucht, um zu funktionieren, also zu leben. Und neben der Ernährung ist der Schlaf die wichtigste Energietankstelle. Jeden Akku muss aufgeladen werden, und ein Auto kann ich auch nicht während der Fahrt betanken. Ich muss stehenbleiben, um den Tank zu füllen. Aus dem gleichen Grund gibt es ja auch „Fast Food“! Essen und Schlafen ist oft eine lästige Unterbrechung des Lebens. 

Die Vorstellung, dass Schlaf ein elementarer Teil des Wachseins und des Lebens ist, ist für viele schwer zu verstehen. Zudem fehlt das Wissen um Schlaf. In der Schule z.B. wird Schlaf per Lehrplan quasi nicht unterrichtet.


Was sagst du als Experte für Schlaf und Chronobiologie zu Leuten, die meinen: wer wenig schläft (und früher aufsteht), leistet mehr?

Leistung hat nichts mit früh oder spät aufstehen zu tun, sondern ob ich ausschlafen kann oder nicht. In unserer Gesellschaft hat jedoch lediglich der Frühtyp am ehesten die Möglichkeit auszuschlafen, deswegen ist die Chance, dass er mehr leisten kann, als ein nicht ausgeschlafener Spättyp, schlichtweg höher. Würden wir alle gesellschaftlichen Strukturen auf dem Planeten, also z.B. Arbeitszeiten, Schulzeiten etc. um 4h nach hinten verschieben, hätten wir wahrscheinlich sogar eine höhere Produktivität, weil mehr Menschen ausgeschlafen wären.
Der Faktor Leistung hängt somit im Kontext mit deiner Frage einzig davon ab, ob ich ausschlafen kann. Sobald ich mit dem Wecker geweckt werden muss, schlafe ich nicht aus. Da der Schlaf auf diese Weise seine regenerative und Wissen verfestigende Arbeit nicht zu Ende führen kann, kann der Mensch in der Folge nicht die Leistung erbringen, die er bei voller Regeneration erbringen könnte. Punkt.

Mit einem halb vollen Tank komme ich mit dem Auto nun mal nicht so weit, wie mit einem vollen Tank.

Welche Rolle spielen die sogenannten Chronotypen beim Schlaf-Wach-Rhythmus und was ist das überhaupt?

Ein Chronotyp beschreibt den individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus und damit die natürliche Lage der biologischen Nacht eines Menschen innerhalb eines 24h Tag-/Nacht-Rhythmus. Als biologische Nacht bezeichnet man den natürlichen Schlafzeitraum, der in den Genen liegt. Das besondere dabei: Die biologische Nacht kann auch in den Tag hineinreichen. Sie hat also nichts mit Dunkelheit zu tun. Deswegen justiert das Sonnenlicht die innere Uhr lediglich, setzt aber nicht die zentralen Impulse.

Genauso wie wir unterschiedliche Fußgrößen haben, haben wir auch einen individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus. Um diesen wiederum „greifbar“ zu machen, teilt man ihn in sogenannte Chronotypen ein. Fast alle kennen Eule und Lerche. Dabei sind dies lediglich die Extremausprägungen. Die meisten Menschen sind „Normal“- oder Mediantypen. Normal ist dabei so zu verstehen, dass sie die Hauptgruppe innerhalb einer Gesamtgruppe darstellen. An der Körpergröße verdeutlicht bedeutet das: Für Deutsche ist eine Körpergröße von 180cm normal. Für Niederländer ist die Körpergröße von 182,5cm „normal“. Für Menschen aus Nepal 162cm.
Deswegen ist der Begriff „Median“ eigentlich passender. Der Begriff „Langschläfer“ für Spättypen ist übrigens falsch. Denn Spättypen schlafen nicht länger, sondern lediglich später.


Woher kommt die Chronobiologie?

Wenn wir ganz weit zurückgehen, dann finden wir schon Mitte des 17. Jahrhunderts erste Forschungen zur Chronobiologie. Der französische Gelehrte Jean Jacques d’Ortous de Mairan hat die täglichen Blattbewegungen der Mimose beobachtet und festgestellt, dass diese auch dann rhythmisch weiterschwingen, wenn sie kein Licht mehr erhalten.
Chronobiologie ist die Wissenschaft der zeitlichen Organisation von Organismen. Ich hänge mich seit 20 Jahren an dieser Definition auf, da es genaugenommen keine zeitliche, sondern eben eine rhythmische Organisation ist. Die Natur kennt keine Zeit, keine Sekunden, Minuten oder Stunden, sie kennt nur Rhythmen. In diesem Zusammenhang gibt es neben ultradianen (Frequenz über einen Tag, z.B. Herzschlag) und infradianen Rhythmen (Frequenz unter einem Tag, z.B. Jahreszeiten) eben auch die circadianen Rhythmen (Frequenz ca. ein Tag). Die Humanchronobiologie hat mit den „Andechser Bunkerexperimenten“ von Prof. Jürgen Aschoff in den 60/70/80er Jahren ihren „Kick Off“ erlebt.


Seit wann ist sie bekannt?

Bekannt ist relativ. Ich selbst beschäftige mich seit 2002 damit und habe viele Projekte durchgeführt sowie auch Bücher und Artikel zu diesem Thema geschrieben. In der Gegenwart ist die Chronobiologie als Begriff dennoch überwiegend unbekannt. Das hat auch etwas damit zu tun, dass der Begriff „Biorhythmus“ stark mit Esoterik in Verbindung gebracht wurde/wird. Diesem Begriff liegen Forschungen vom Wiener Psychologen Hermann Swoboda und dem Berliner Arzt Wilhelm Fließ zu Grunde, haben aber mit der klassischen Chronobiologie nichts zu tun.

Den seriösen Durchbruch hat die Chronobiologie mit dem Nobelpreis für Medizin und Psychologie 2017 an drei US-Forscher Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young geschafft. Seitdem wird auch in der öffentlichen Wahrnehmung die Human-Chronobiologie vermehrt als seriös angesehen.
Wenn ich von Eule oder Lerche spreche, kann jeder etwas damit anfangen. Das dies jedoch eine genetische Prädisposition ist und nicht anerzogen/angelernt ist, ist dann wieder für die meisten neu.

Was ist der genaue Benefit, wenn man seinen Chronotypen kennt?

Zu wissen, wie man tickt, ist immer gut.
Wenn ich aber meinen Chronotypen kenne, dann lerne ich gleichzeitig, wann am Tag mein Körper auf was eingestellt ist. Als Beispiel: Organuhren gibt es ja schon lange. Nur waren die bisher nie auf Chronotypen abgestimmt.
Da komme ich z.B. auf die Frage: Was ist „früh?“ Für einen Spättypen ist „früh“ eben nicht das gleiche „früh“ wie für einen Frühtypen, wenn es um Themen wie Metabolismus oder Leistung geht. Ein Frühstück für einen Spättypen ist also gesellschaftlich gesehen nicht früh, sondern also eher  als ein „Spätstück“ zu bezeichnen. Biologisch gesehen sollte Frühstück die erste Mahlzeit am Tag darstellen. Nur das dies eben auch 12.00Uhr oder 13.00Uhr sein kann.
Wer seinen Chronotyp kennt, kennt die Stellschrauben zu einem gesünderen Leben und besserer Leistung, da man seine Struktur entsprechend der eigenen genetischen Ausprägung anpassen kann. Man kann ja auch nur dann die passenden Schuhe kaufen, wenn man seine Fußgröße kenne.
Ich sehe meine Aufgabe nun darin, bei Arbeitgebern die arbeitstechnischen und -zeitlichen Grundlagen zu schaffen, damit dieser Schlüssel auch die Tür möglichst weit öffnen kann, denn am Ende profitiert jeder davon. Neben dem einzelnen Menschen selbst, profitiert der Arbeitgeber von weniger Fehlzeiten, Fehlerkosten, Unfälle und mehr Konzentration, Leistung und Motivation der Mitarbeiter*innen.
Deswegen habe ich „COPEP – Chronotypenoptimierte Personaleinsatz- und Schichtplanung“ entwickelt. Erste Studien unter anderem an einer Klinik mit über 130 chronotypisierten Personen haben gezeigt, welche enorm positiven Effekte schon nach kurzer Zeit möglich sind.
Also eine echte win-win-win-Situation (Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Familie)

Wie bestimmt man ihn am besten?

Es gibt 3 Möglichkeiten.

  1. Selbsteinschätzung: Funktioniert nur, wenn man mind. 2 Wochen am Stück völlig losgelöst von externen Impulsgebern (Wecker, Kinder, Fernseher etc.) aufstehen und zu Bett gehen kann. Klassischerweise ist dies am ehesten im Urlaub gegeben. Sehr feinfühlige Menschen spüren das, und auch bei uns funktioniert es. Aber die wenigsten haben diese Möglichkeit.
  2. Wissenschaftliche Fragebögen. Hier wäre der MCTQ (Munich Chronotype Questionaire) der LMU München und der D-MEQ der IfADo zu nennen. Nur letzterer ist online und kostenlos. Aber man bekommt auch lediglich den Chronotyp genannt, das wars. Zudem verwischt auch hier ein hoher Grad an Subjektivität die Analyse.
  3. Ein absolut objektives Ergebnis bietet nur der Haarwurzel-RNA-Test den es seit kurzem gibt. Er wurde an der Charitè in Berlin entwickelt und wird von unserem Kooperationspartner BodyClock vertrieben. Hier wurden 12 Biomarker identifiziert, über die sich der sogenannte DLMO ermitteln läßt. Dies ist der individuelle Zeitpunkt, zu dem die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin beginnt. Dieser Zeitpunkt ist dann Ausgangspunkt für die Bestimmung des Chronotypen. Der Test kostet 149€, geliefert wird das komplette Testkit mit Bedienungsanleitung und einem Freiumschlag zur Rücksendung der Haarwurzeln in einem Teströhrchen.
    Der Ergebnisbericht wird per Mail zugeschickt und umfasst kräftige 27 Seiten. Selbst ich bin immer wieder begeistert, was man darin über sich erfährt.

Als Kooperationspartner bieten wir für einen begrenzten Zeitraum einen 10€-Rabattcode an.
Einfach bei der Bestellung unter www.bodyclock.health den Rabattcode CHRONO@ALIAMOS angeben.

Wie kommt man wieder an den Punkt zurück, seinen natürlichen Schlaf-/Wachrhythmus ohne Wecker folgen zu können?

Das ist so pauschal nicht einfach zu sagen, da man die Lebenssituation der Person betrachten muss. Dies tun wir exakt in unseren Chrono-Coachings. Das sind keine reinen Schlafcoachings, sondern sie berücksichtigen das komplette 24h – Setting. Eine allgemeingültige Checkliste gibt es nicht. Alleinstehende haben andere Optionen als Familien mit Kindern. 
Grundsätzlich ist der erste Schritt jedoch für sich selbst zu entscheiden, welchen Stellenwert man dem Schlaf im Vergleich zu Arbeit und Freizeit beimessen will. Wer tatsächlich entscheidet: “Ich hau den Wecker weg!“, der sollte natürlich herauszufinden, wie sein persönlicher Schlaf-/Wachrhythmus aussieht. Am sinnvollsten ist diesen über den RNA-Test herauszufinden. Gleichzeitig sollte man aber sein Verhalten vor den Schlafen gehen und die Schlaf-Räumlichkeiten betrachten. Wie lange sehe ich aufs Handy, welche Filme sehe ich vor dem Zubettgehen an, habe ich W-LAN an oder gar das Handy nachts am Bett, wie viele Standby-Leuchten blinken im Zimmer etc..
Ein Schlafzimmer ist fürs Schlafen gedacht, und nicht z.B. fürs Arbeiten. Es geht also um Dinge, die unter den Begriff „Schlafhygiene” fallen. Aber es gibt noch viele Punkte mehr, wie z.B. Ernährung. Warum das alles? Es kann sein, dass ich nur deswegen nicht einschlafen kann, weil das Setting nicht passt und nicht weil ich die falsche Zeit lebe. Auch so baut sich nämlich Schlafdefizit auf, und ich muss dann dadurch bedingt mit dem Wecker aufstehen. Wenn das Setting aber passt, dann sehe ich mir das Testergebnis an. Mit dem Test bekommt man ja viele weitere Informationen, die einem bei einer neuen Struktur helfen. Der nächste Schritt wäre also das, was ich aktuell wann tue, mit dem was im Bericht für wann empfohlen wird zu vergleichen. Vielleicht stellt sich heraus, dass die Differenz gar nicht so groß ist und ich alles sehr gut unterbringen kann. Eine solche Umstellung immer auch mit einer neuen Prioritätensetzung verbunden. 
Wichtigster Punkt ist, sich mit der Umstellung nicht unter Stress zu setzen, denn dann hat man genau das Gegenteil erreicht. Zwei Schritt vor, einer zurück bringt einen auch weiter. Aber wie gesagt, in einem Chrono-Coaching kann man hier wesentlich gezieltere Ansätze finden, die dann dem eigenen Rhythmus, der eigenen Geschwindigkeit und dem persönlichen Setting entsprechen. Es wäre unseriös, hier nur zu sagen „Mach dies, mach das … und dann ist alles gut!“

Was sagst du zu regulären Schul-und Arbeitszeiten? Ist das gegen die menschliche Natur?

Für die meisten ja. Frühtypen (und die Kinder sind genetisch überwiegend Spättypen) haben ja kein Problem damit. Ich wiederhole mich hier. Sobald ich mit dem Wecker aufstehen muss, ist dieser Vorgang wider die menschliche Natur – egal ob Arbeit, Schule oder anderes.
Es gibt genug Studien, die belegen, dass wir wesentlich bessere Noten und Leistungen hätten, wenn die Schulzeiten später beginnen würden. Aber statt Möglichkeiten zu suchen, wie man das erreichen kann, sucht man nur Gründe, warum es nicht geht.

Wie genau beeinflusst der Schlaf unsere Stimmung und Leistung?

Die Antwort ist komplexer, da nicht nur Schlaf, sondern auch die Ernährung und der Ort wo wir uns tagsüber aufhalten, Licht etc. Einfluss auf die Stimmung und Leistung haben. Aber kurz gesagt auch hier wieder: Schlaf hat die Aufgabe von körperlicher und psychischer Regeneration sowie von Verfestigen von Wissen . Bekomme ich nicht genug, kann ich nicht genug leisten.  Und wer einmal ein Kind groß gezogen hat, weiß wie sich das stimmungstechnisch anfühlt, wenn man unter Schlafmangel leidet.

Was empfiehlst du Unternehmen hinsichtlich Chronobiologie und der damit verbundenen Leistungsfähigkeit?

Die Chronobiologie wird ein fester Bestandteil des BGM und der Personaleinsatzplanung werden. Davon bin ich nach fast 20 Jahren fest überzeugt. Meine Empfehlung ist, dass sich Unternehmen schlichtweg anfangen, damit zu befassen. Dabei ist Chronobiologie weit mehr als „nur“ Schlaf. Erst, wenn ich chronobiologische Parameter berücksichtige, kann ich Schlafthemen verstehen und effektiv angehen.

Wer jetzt anfängt, sich damit zu befassen, wird der Gewinner der Digitalisierung sein. Warum? Die Entwicklung in den letzten 20 Jahren geht weg von körperlicher, hin zu mentaler Belastung. Wir sehen die Folgen deutlich in unseren überfüllten psychotherapeutischen Einrichtungen. Ausschlafen wird zum zentralen Element der Schnittstelle „Mensch/Digitalisierung“ werden. Die REM-Schlaf-Phasen sind die Mental-Booster. Da diese vor allem in der zweiten Schlafhälfte länger auftreten, entsteht hier als erstes ein Mangel, wenn wir zu wenig schlafen, denn Schlaf wird ja am Ende abgeschnitten und nicht am Anfang. Wer also Digitalisierung vorantreibt, die Menschen aber nicht dabei berücksichtigt, der wird sie verlieren. Der schnellste Formel 1 – Bolide nützt nichts, wenn der Fahrer oder das Team übermüdet sind. Unternehmen sollten das begreifen.

Meine Empfehlung für Unternehmen:

  1. Information & Bewusstseinsbildung (Vorträge)
  2. Strategische Planung von Maßnahmen (Workshops)
  3. Umsetzung (von einfachen Tageslichtlampen bis zu COPEP)

Es geht dabei nie ums perfektionieren, sondern immer um das, was unternehmensbezogen sinnvoll und machbar ist. Das ist aber oft mehr als man denkt.

Ist Remote Work/ New Work eine Chance für uns, mehr nach unserem eigentlichen Rhythmus zu leben?

Definitiv. Ich habe dies schon 2012 in meinem ersten Buch „Liquid Work“ propagiert. Das Problem ist nur, dass auch hier der Mensch vergessen wird. Die Pandemie hat zwar zur Verstärkung dieser an sich positiven Entwicklung beigetragen, jedoch völlig übereilt und unkontrolliert.

Wir werfen Menschen ins kalte Home-Office-Wasser, nach dem Motto „lerne alleine schwimmen“. Dies jedoch, weil die Verantwortlichen selbst keine Ahnung haben, wie man in diesem Fahrwasser schwimmen soll.

Ein Vorteil ist es nur dann, wenn ich auch weiß, wie ich diesen Vorteil nutzen kann. Sprich: Ich muss als Mitarbeiter in der Lage sein, eine Eigenstruktur zu entwickeln. Gestern noch musste sich jeder an eine vorgegebene Struktur halten, heute soll derselbe  sich auf einmal selbst strukturieren. Und das bei Anwesenheit von Partner und Kindern, die wiederum eigene Rhythmen haben. Gleichzeitig versuchen verzweifelte Vorgesetzte das Führen auf Sicht irgendwie auf diese Entfernung zu übertragen.

Statt ein E-Fahrzeug von Grund auf neu zu entwickeln, wird nun von einem klassischen Benziner nur der Motor ausgetauscht. Dass dies gewaltige Verluste generiert, ist klar. Aber auch hier zählt: Unternehmen, die sich mit der Chronobiologie auseinandersetzen, werden sich nicht nur als bessere Arbeitgeber durchsetzen, sondern zudem zum Dank mehr Leistung und weniger Kosten ernten.

Rhythmusmanagement heißt hier das Zauberwort.

Wie kann es auch in größeren Konzernen besser klappen mit dem biologischen Rhythmus?

Meistens nicht anders als im kleinen Unternehmen. Die Größe ist nur eine der vielen Gründe, die vermeintlich einem Change entgegenstehen. Dabei werden z.B. schon gewaltige IT-Changeprozesse in Unternehmen realisiert und ganze Produktionsprozesse auf den Kopf gestellt. Warum sollen also solche Veränderungen nicht möglich sein, die noch nicht einmal Investition in Sachwerte benötigen?

Hier sollte man das Pareto – Prinzip im Auge behalten. Im Unternehmen kann man durch 20% Chronobiologie schon 80% der positiven Effekte einfahren, ohne neu bauen oder Maschinen kaufen zu müssen. Es geht im Kern darum, effektiv zu nutzen, was ohnehin schon da ist. 

Das Grundprinzip für COPEP ist überall das Gleiche. Das einzig problematische in Großunternehmen sind die Entscheidungsstrukturen, nicht die Aufbau- oder Ablauforganisation eines Changeprozesses. Dieser ist skalierbar und nur eine Frage der Manpower.

Was ist deine Empfehlung?

Anfangen. Ein erstes Gespräch mit uns bringt die initialen Impulse. Alles andere ergibt sich daraus!

Ist das in jedem Unternehmen/ Job möglich?

Wenn du COPEP meinst, ja. Wie gesagt, es geht ums optimieren, nicht darum alles dem Chronotypen zu unterstellen. Ergebnisoffen abwägen, was machbar ist, und dann Lösungen erarbeiten. Deswegen setzt sich COPEP auch ganz bewußt aus dem Begriff „Chronotypenoptimierte Personaleinsatzplanung“ zusammen. Dabei lautet die Formel: Je mehr Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam erreichen wollen, desto mehr ist möglich. Natürlich gibt es gesetzliche Themen, gerade z.B. in der Schichtarbeit (Nachtzuschlag etc.), die es zu klären gilt, aber auch hier gilt: Ob etwas nicht geht, finden wir erst heraus, wenn wir es versucht haben.


Wo siehst du Grenzen?

Wer über den Tellerrand rausgucken will, muss den Tellerrand als Ausgangspunkt und nicht als Endpunkt betrachten. Grenzen sehe ich niemals schon vor Beginn.
Maximal kann es im Verlauf eines Projektes zu einem Punkt kommen, der vielleicht heute den Endpunkt darstellt. Morgen kann das aber wieder anders aussehen.

1899 lies Charles H. Duell, Leiter des US-Patentamts, verkünden: „Alles, was erfunden werden kann, wurde erfunden!“ Kein Unternehmen kann sich in Zukunft leisten, so zu denken.

Short and sweet: 3 Sätze, die dir am Herzen liegen zum Thema Schlaf und Chronotypen:

  1. Unser Motto: Die Arbeit um den Menschen biegen, statt den Menschen um die Arbeit – Das ist die eigentliche Evolution des HR-Managements der Arbeit der Zukunft.
    Die Chronobiologie kann der Schlüssel dazu sein. 
  2. Die Natur kennt keine Zeit, nur Rhythmen, und das hat einen guten Grund.
  3. Lasst unsere Kinder ausschlafen. Die aktuellen Schulzeiten sind aktiver Kindesmissbrauch.

Michael Wieden, vielen Dank für das Gespräch!

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